Montag, 19. März 2018

Mehr als 5000 Teilnehmerinnen beim internationalen Frauentreffen der Zapatistinnen in Chiapas


Von Sonja Gerth, Cimacnoticias
(Morelia, 13. Maerz 2018)
Sport, Kultur und Debatten standen im Mittelpunkt des dreitaegigen Treffens, zu dem die Zapatistinnen Besucherinnen aus aller Welt in ihr autonomes Territorium in den Bergen von Chiapas eingeladen hatten. “Wenn du keine Angst vor dem schlechten System hast, das uns ausbeutet, unterdrueckt, beraubt und verachtet, oder wenn du Angst hast, sie aber kontrollierst, dann laden wir dich herzlich ein”, hiess es in der Einladung. Und die Besucherinnen aus vielen Staaten Mexikos, aus Guatemala und Argentinien, aber auch den USA und Europa, stellten die Organisatorinnen vor eine grosse Herausforderung: Es kamen rund 5000 Frauen, knapp zehn Mal so viele, wie sich angemeldet hatten.
Die Schlange vor dem Tor, ab dem Maennern der Eintritt auf das Gelaende des Caracol Morelia verboten war, wurde immer laenger. All die Besucherinnen, die ohne Zelte gekommen waren, mussten ihre Schlafsaecke auf den Buehnen, in den Seminarraeumen, und unter eilig aufgespannten Plastikplanen im Gras ausrollen.
Geweckt wurden alle um sechs Uhr morgens vom Bass der Band aus dem Caracol Oventic. Zu den Klaengen der “Mañanistas” krochen die uebernaechtigten Feministinnen aus der Stadt aus ihren Zelten, um sich auf dem Fussballplatz einzufinden und den Grussworten der compañeras aus den verschiedenen Bezirken zuzuhoeren.
In der Eroeffnungsrede wies Capitana Erika darauf hin, dass das Treffen vor allem als Unterstuetzung fuer Maria de Jesús Patricio, genannt Marichuy entstanden sei. Im Februar war die Kandidatur von Marichuy, der ersten indigenen Praesidentschaftskandidatin Mexikos, an der fehlenden Zahl der Unterstuetzerstimmen gescheitert. Dennoch seien die Kandidatur und auch das Treffen eine Ermunterung, den Kampf um gleiche Rechte nicht aufzugeben.
Marichuy und viele concejalas vom Nationalen Kongress der Indigenen (CIG) waren als Ehrengaeste anwesend, ergriffen allerdings nicht das Wort sondern nahmen nur an den Workshops teil. Rund 180 Veranstaltungen wurden waehrend des dreitaegigen Treffens angeboten, darunter Tanz, Koerpererfahrung, Medizin und auch Musik. In jedem Workshop sassen mindestens zehn Zapatistinnen, die teilweise fleissig mitschrieben, um in ihren Gemeinden von all den “seltsamen Dingen” berichten zu koennen, mit denen sich die Feministinnen aus der Stadt so befassen.
Denn ohne die Gemeinschaft, die Frauen und Maenner, die zu Hause auf das Feld, das Haus und die Kinder aufpassten, waere den 2000 Zapatistinnen eine Teilnahme nicht moeglich gewesen. Waehrend innerhalb der Tore alle Organisation- von der Reinigung der Klos ueber die Essstaende bis zu Licht und Sound auf der Buehne- in den Haenden der Frauen lag, koordinierten einige compañeros ausserhalb den Parkplatz und kochten fuer die Zapatistinnen. Die Soldaten der EZLN hatten sich auf einem Huegel positioniert, um darueber zu wachen, dass es “keine Zwischenfaelle” gab.
Auch die Politik war auf dem Treffen immer wieder Thema. So informierten die Muetter von Verschwundenen und Opfern von Feminizid ueber ihren Kampf gegen die Straflosigkeit. Hilda Hernández, die Mutter eines der Verschwundenen von Ayotzinapa, beklagte dass die Staatsanwaltschaft die Akte in diesem Jahr schliessen wolle, obwohl bisher noch keiner der 43 gefunden worden sei. Die mexikanischen Behoerden beharren immer noch auf der Version, dass die Studenten auf einer Muellhalde von Kriminellen verbrannt worden seien. Argentinische Forensiker haben aber nachgewiesen, dass das nicht stimmen kann. Die Gewalt, vor allem gegen Frauen, ist ein Thema, unter dem alle Frauen gleichermassen leiden, egal ob indigen, mestiza oder weiss, reich oder arm, aus dem Norden oder dem Sueden, das hatten die Zapatistas schon in der Eroeffnung anklingen lassen. In Mexiko werden laut UN sieben Frauen am Tag ermordet, nur weil sie Frauen sind.
Am Ende der drei Tage setzte sich aber bei vielen der Besucherinnen die Erkenntnis durch, dass eben auch Kunst, Sport, und Zusammensein den Kampf ausmachen. Egal ob es auf dem Basketballplatz war, tanzend zu den Rhythmen der lesbisch-feministischen Band aus Kolumbien, oder durch ein Augenzwinkern unter der Sturmhaube am Quesadilla-Stand: etwas hatten die Zapatistinnen in uns bewegt, etwas, das wir mitnehmen wollten nach Hause.
Dazu passten die Worte der compañeras in der Abschlussveranstaltung, vorgetragen von Alejandra, einer jungen Frau aus dem autonomen Bezirk Realidad. Die Rede war in bester zapatistischer Tradition verfasst: mit Witz, Ironie, ein wenig Selbstkritik und Bescheidenheit. Alejandra forderte die Besucherinnen auf, ein Licht in die Welt hinauszutragen: “Tragt es zu den Verschwundenen, den Ermordeten, den Gefangenen, den Vergewaltigten, den Migrantinnen, und sagt ihnen, dass sie nicht alleine sind, sondern dass ihr fuer sie kaempft. Weicht nicht zurueck, verkauft euch nicht, gebt nicht auf!” Da lief den meisten Zuhoererinnen am Ende noch einmal mehr als eine Traene ueber die Wange.

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