Donnerstag, 8. Oktober 2015

Übersetzte Erklärung von Gülaferit Ünsal zu ihrem Warnhungerstreik in der JVA Lichtenberg (Berlin) vom 5.10.2015

Von wem und warum werde ich daran gehindert, Zeitungen zu lesen? Einwöchiger WARNHUNGERSTREIK von 5.-11. Oktober Von 15. Juli, dem Tag an dem ich ins Lichtenberg Gefängnis kam, bis 6. August hatte ich 20 Tage lang kein Problem mit den Zeitungen. Aber danach hat das Problem stetig zugenommen. Und im September wurde es dann ganz schlimm. Im August habe ich 8 Tage lang, im September 19 Tage lang, manchmal ein oder zwei, manchmal alle Zeitungen nicht bekommen. Am 18. August wurden 4 meiner Zeitungen verschlampt. Obwohl die Post jedes Wochenende, Freitag, Samstag und Sonntag kommt, wurde mir im September keine Hürriyet und Özgür Politika ausgehändigt. Ich habe sie 3-4-5 Tage später alle zusammen bekommen. Obwohl erlaubt wurde, dass meine Zeitungen persönlich abgegeben werden können, wurde am 26. September und am 2. Oktober die Hürriyet nicht angenommen. Als ich nachfragte warum die Zeitungen nicht genommen wurden, erfuhr ich, dass die WärterInnen in der „Zentrale“ im Bezug auf die erlaubten Zeitungen erneut eine „schriftliche Genehmigung“ fordern. Es ist eine offene PROVOKATION, dass jetzt für die Hürriyet und Özgür Politika,die ich seit 4 Monaten abonniere, eine „schriftliche Genehmigung“ gefordert wird. Es bedeutet, dass man sich über den Hungerstreik, den ich unter Einsatz meines Lebens geführt habe und über das unterzeichnete Protokoll lustig macht. Ich habe daraufhin beim Berliner Justizsenat Beschwerde eingelegt. Es wird offen gesagt eine ILLEGALLE ZENSUR über die Hürriyet und die Özgür Politika verhängt. Es ist mein GRUNDLEGENDSTES-LEGALSTES RECHT, meine Zeitungen täglich und ohne Probleme zu erhalten. Nur damit mir mein grundlegendstes, legales Recht zugestanden wird, war ich 54 Tage lang im Hungerstreik. Ich habe gegen zahlreiche Angriffe, Drohungen, Provokationen und Komplotte gekämpft. - Ich war 3 Jahre lang für 22-23 Stunden in einer Isolationszelle. Sie konnten meinen Willen nicht brechen. - Sie verurteilten mich zu 6,5 Jahren. Sie konnten mich nicht einschüchtern. - Sie drohten mir, mich bis zum letzten Tag meiner Strafe im Gefängnis zu lassen. Sie konnten meine Gedanken nicht umdrehen. - Sie taten alles, damit ich 4 Jahre lang meine Zeitungen nicht bekomme. Sie konnten meine Entschlossenheit nicht zerstören. -Sie haben meine genehmigten Büchersendungen mehrmals in die Büchereien zurückgeschickt. Sie konnten mich nicht davon abhalten, zu lesen. - Sie haben mir das Fernsehen 1 Monat lang verboten. Sie konnten mich nicht unterkriegen. - Sie haben versucht mich zu vereinsamen, mich zu isolieren, indem sie einige psychopathische, faschistische Gefangene auf mich loshetzten und mich bedrohten. Sie konnten meine Moral und meine Psyche nicht zerstören. - Ich wurde bei der Polizei wegen „Körperverletzung-Betrug-Beleidigung“ angezeigt. Infolge der Anzeige hat die Polizei ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Der Akt wurde an die Staatsanwaltschaft geschickt. Nach einer 3-4 monatigen Ermittlungsphase schickte der Staatsanwalt den Akt an die Polizei zurück, um den Fall erneut zu untersuchen. Nach 9 (5?) MONATEN wurde das Ermittlungsverfahren gegen mich eingestellt.. Trotz mehrmaliger Anträge meiner AnwältInnen rückte weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft den Akt heraus. Komplotte und Provokationen konnten mich nicht zum Schweigen bringen. All diese Geschehnisse sind die Folge der Politik des deutschen Staates gegenüber den Gefangenen. Deshalb kann die Zurückhaltung meiner Zeitungen nicht auf die willkürliche Haltung von 3-5 WärterInnen reduziert werden. Ja, auch die WärterInnen, die sich für ungesetzliche Tätigkeiten instrumentalisieren lassen, trifft Schuld. Aber sie sind einfache Befehlsausführer bei der Angriffspolitik gegenüber den politischen Gefangenen. Eigentlich sollte Gülaferit Ünsal mitgeteilt werden, wer den Befehl für die Umsetzung der Zeitungszensur erteilt hat. Sie haben Angst vor Büchern, Zeitschriften, Zeitungen Sie haben Angst, dass wir die Wahrheit erfahren Sie haben Angst vor unseren Gedanken Sie haben Angst vor unseren Köpfen, die ständig Neues lernen, Angst vor unseren Herzen, die tapfer schlagen und vor unserem Willen, der nicht zu brechen ist. Ihre Angst ist berechtigt. Die Zensur von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern zeigt wie hilflos und unbeholfen sie sind. Noch dazu halten sie sich nicht einmal an die eigenen Gesetze. Gleichzeitig sind sie reaktionär und primitiv. In einem Zeitalter wo der Informationsfluss in Sekundenschnelle erfolgt, versuchen sie die Dunkelheit des Mittelalters zurückzuholen und ihren eigenen Status Quo aufzuzwingen. Die Gefängnisse sind die Sümpfe des Kapitalismus. In diesen Sümpfen werden täglich Drogen, wird Prostitution, jede Art von Unmoral, Verrätertum, Fremdenfeindlichkeit und Faschismus legitimiert. Weil wir uns gegen all das auflehnen, versuchen sie uns kaputt zu machen und auszulöschen. In euren Sümpfen, die für nichts gut sind als Dreck und Schuld zu produzieren, werden wir eure reaktionären Politiken weiterhin mit unserer Würde, mit unserer Identität, mit unseren Überzeugungen, unserer Kultur und unserem Widerstand bloßstellen und weiterhin als Albtraum vor euch stehen. Um gegen die Zeitungszensur zu protestieren und erneut ein Augenmerk darauf zu werfen, werde ich von 5.-11. Oktober in einen einwöchigen WARNHUNGERSTREIK treten. ICH WERDE NICHT VON MEINER FORDERUNG NACH MEINEN LEGALEN RECHTEN UND NACH MEINEN ZEITUNGEN ZURÜCKWEICHEN. Tage an denen ich keine Zeitung erhielt: -7.8.2015 keine einzige Zeitung bekommen -8.8.2015 habe die Zeitung vom 8.08. nicht bekommen -10.8.2015 keine einzige Zeitung bekommen -13.8.2015 habe Hürriyet nicht erhalten -14.8.2015 habe die TAZ nicht erhalten -18.8.2015 4 meiner Zeitungen gingen verloren -27.8.2015 keine einzige Zeitung bekommen -29.8.2015 keine einzige Zeitung bekommen -3.9.2015 Junge Welt nicht erhalten -5.9.2015 Hürriyet und Özgür Politika nicht erhalten -7.9.2015 keine einzige Zeitung erhalten -8.9.2015 TAZ nicht erhalten -10.9.2015 keine einzige Zeitung erhalten -11.9.2015 -“- -12.9.2015 -“- -14.9.2015 TAZ nicht erhalten -15.9.2015 Hürriyet nicht erhalten -17.9.2105 Özgür Politika nicht erhalten -18.9.2015 keine einzige Zeitung erhalten -19.9.2015 Hürriyet und Junge Welt nicht erhalten -21.9.2015 keine einzige Zeitung erhalten -22.9.2015 TAZ nicht erhalten -24.9.2015 -“- -25.9.2015 Junge Welt nicht erhalten -26.9.2015 Hürriyet und Junge Welt nicht erhalten -29.9.2015 Hürriyet und Özgür Politika nicht erhalten -30.9.2015 TAZ und Özgür Politika nicht erhalten -1.10.2015 Hürriyet nicht erhalten -2.10.2015 Hürriyet, Özgür Politika, Junge Welt nicht erhalten Gülaferit Ünsal JVA für Frauen Berlin Hauptanstalt Alfredstraße 11 10365 Berlin Tel.: +49 30 90 253 - 600 Fax: +49 30 90 253 - 697 Epoststelle@jvaf.berlin.de

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