Donnerstag, 28. Mai 2015

[Chiapas98] Luis der Zapatist - Subcomandante Insurgente Marcos

Zapatistische Nationale Befreiungsarmee. Mexiko. 2. Mai 2015. Einleitung. Guten Abend, Guten Tag, Gute Nacht, an alle die zuhören oder lesen, egal welchem Kalender oder welcher Geographie sie angehören. Die Worte, die jetzt veröffentlicht werden, sind die des dahingeschiedenen Subcomandante Insurgente Marcos, die er für die Ehrung von Don Luis Villoro Toranzo, welche im Juni 2014 stattfinden hätte sollen, vorbereitet hatte. Er nahm damals an, dass die Familienangehörigen von Don Luis, allen voran sein Sohn Juan Villoro Ruiz und seine Compañera, Fernanda Sylvia Navarro y Solares teilnehmen würden. Wenige Tage vor der geplanten Ehrung wurde unser Compañero Galeano ermordet, Maestro und autonome Autorität, einer von Vielen einer Generation von indigenen zapatistischen Frauen und Männern, die im Untergrund unserer Vorbereitung geformt wurden, im Aufstand, im Widerstand und in der Rebellion. Schmerz und Wut, die wir damals fühlten und jetzt noch immer, vereinten sich im Mai vor einem Jahr mit der Klage wegen des Todes von Don Luis. Daher kam es zu einer Reihe von Ereignissen, eines davon war die Entscheidung, das Leben eines Mannes zu beenden, der bis zu diesem Moment Pressesprecher und Militärchef der EZLN gewesen war. Das Hinscheiden des SupMarcos vollzog sich im Morgengrauen des 25. Mai 2014. Zu den unerledigten Dingen, wie wir Zapatistinnen und Zapatisten es zu nennen pflegen, die der dahingeschiedene Supmarcos hinterlassen hat, gehört ein Buch über Politik, das er Don Pablo González Casanova versprochen hat, um eine Packung Keks der Marke Pancrema, eine Reihe von Texten und Zeichnungen, die man nicht zuordnen kann (einige gehen bis auf seine Anfangstage als Aufständischer der EZLN zurück), und ein Text zur Ehrung von Don Luis Villoro, diesen Text werde ich gleich anschliessend vorlesen. -*- Als wir in der Generalkommandatur der EZLN mit dem Subcomandante Insurgente Moisés darüber sprachen, wie dieser Tag damals gewesen wäre und wie er heute ist, haben wir gemerkt, dass wir beim Rückblick auf ein Leben Stücke zusammensetzten, aber sie würden niemals das Grosse Ganze ergeben. Es blieb uns immer ein unvollendetes, gebrochenes Bild. Wir mussten und müssen dringend suchen und finden, was fehlte. »Es fehlt, was fehlt«, sagen die Zapatistinnen und Zapatisten hartnäckig. Nicht voller Resignation, niemals aus Konformismus. Sondern um uns daran zu erinnern, dass die Geschichte nicht gut ist, dass Stücke fehlen, Namen, Daten, Orte, Kalender und Geographien, Leben. Dass wir viele Tode und Vermisste haben, zu viele. Und dass wir das Andenken und das Herz vergrössern müssen, damit nicht eines fehlt, ja, aber auch, damit sie nicht inmobilisiert würden, damit sie ein ums andere mal hinzugefügt würden auf unserm Weg des kollektiven Voranschreitens. So haben wir uns vorgestellt, dass es an diesem Tag, Nachmittag, Nacht, Morgengrauen, immer, sehr gut möglich wäre, dass die Stücke ausgetauscht werden um weiterhin zu versuchen, den Lebensweg dessen zu ergänzen, den Sie als Doktor Luis Villoro Toranzo, Professor der philosophischen Fakultät der UNAM, Gründer der Gruppe Hiperion, Schüler von José Gaos, Wissenschaftler des Instituto de Investigaciones Filosóficas, Mitglied des Colegio Nacional, Präsident der Asociación Filosófica de México und Ehrenmitglied der Academia Mexicana de la Lengua gekannt haben. »Lehrer, Vater und Compañero«, vielleicht steht es so auf seinem Grabstein. Es gibt Compas, Frauen, Männer und AnderEr, die unter uns Zapatisten und Zapatistinnen der EZLN einen speziellen Platz einnehmen. Das war weder ein Geschenk noch eine Spende. Diesen speziellen Platz haben sie gewonnen mit Beharrlichkeit und Anstrengung, weit entfernt von Scheinwerfern und Tribünen. Wenn sie für immer gehen, stimmen wir daher nicht in den Lärm ein, welcher ihr Tod normalerweise verursacht. Wir warten. Unser Warten ist eine stille, leise Ehrung. Wie der Kampf von ihnen an unserer Seite ein stiller und leiser war. Wir warten bis der Lärm abebbt, dass eine andere Mode der folgt, die Bestürzung und Schmerz vortäuschte, dass der aufgewirbelte Staub sich setzt, dass die Stille wieder ein ruhiges Grab für den ist, der uns fehlt. Vielleicht, weil wir dieses jetzt abwesende Leben achten, wir achten seine Zeit und seine Art. Und weil wir hoffen dass, wenn der Kalender weitergeht, sein Schweigen Zeit haben wird, um uns anzuhören. Für dort draussen, das sage ich, um eine Tatsache aufzuzeigen, nicht um einen Vorwurf auszudrücken, war der Doktor Luis Villoro Toranzo ein brillanter Intellektueller, ein weiser Mensch. Der einzige Vorwurf, den man ihm vielleicht machen könnte, war seine Nähe zu den Originalvölkern von Mexiko, speziell denen, die die Waffen gegen das Vergessen ergriffen und die widerstehen, ohne sich nach Mode und Medien zu richten. Für jene, die den Doktor Luis Villoro Toranzo zu Lebzeiten nicht gekannt hatten, gibt es – das hoffe ich zumindest - jetzt und in Zukunft round tables, Neuauflagen, Rezensionen in Fachzeitschriften und auch in solchen, die es nicht sind. Unser Wort geht jetzt nicht in diese Richtung. Nicht deshalb, weil wir seine historischen und philsophischen Werke nicht kennen würden, sondern weil wir hier sind um eine Aufgabe zu erfüllen, eine offene Rechnung zu begleichen, einen Auftrag zu erfüllen. Denn Sie da draussen kennen Luis Villoro Toranzo als brillanten Kopf, aber wir, wir Zapatistinnen und Zapatisten kennen ihn als… Als? Wir wissen, dass wir nur eines von vielen Stücken haben. Wir sind hierher gekommen, zu dieser Ehrung, um denen, die Blut und Geschichte mit ihm teilten und teilen, ein Stück zu übergeben, welches – so glauben wir - sie nicht nur nicht hatten, sondern sich vielleicht gar nicht einmal vorstellen konnten. Die Geschichte hier unten, auf der zapatistischen Seite, hat viele blinde Räume. Undurchlässige Abteile, in denen unterschiedliche Leben in scheinbarer Bedeutungslosigkeit vergehen und nur der Tod bringt die Mauer zum Fall, damit wir sehen und von diesem Leben, das dort gelebt wurde, lernen. Und dann machen wir, wie sollen wir es nennen? Einen Tauschhandel? Wir tauschen den Platz aus? Wenn wir das Abteil öffnen, wenn wir die vierte Mauer niederreissen, wenn wir dann hinein schauen, machen wir einen Schacher: dieser Tote ins Museum, dieses Leben für das Leben. »Undurchlässige Abteile« habe ich gesagt. Unsere Art des Kampfes fordert diesen Tribut an Anonymität, der nur für einige von uns wünschenswert ist. Aber vielleicht gibt es später die Möglichkeit, darauf zurückzukommen. Bald werden Sie den Subcomandante Insurgente Moisés hören, wenn er unseren Compañeras und Compañeros der zapatistischen Comunidades einiges darüber erzählen wird, was Don Luis Villoro Toranzo in unserem Kampf bedeutete. Die grosse Mehrheit von ihnen hat ihn nicht gekannt. Und so wie ihn, gibt es Compañeras, Compañeros und Compañeroas, von denen wir nichts wissen. Dieses plötzliche Wissen darum, dass wir Compañeros und Compañeras hatten, von denen wir nicht einmal ihre Existenz kannten, bis sie aufhören zu existieren, ist nicht neu für uns Zapatistinnen und Zapatisten. Vielleicht ist es unsere Art, dass wir durch das Nennen des Lebens dessen der fehlt, ihn auf eine andere Art ins Leben zurück bringen. Als ob es unsere Art wäre, dem Kollektiv zuerst den zapatistischen Indigenen Galeano, dann Don Luis Villoro zu bringen. Unsere Art, sie zur Eile aufzufordern, sie zu drängen, ihnen zuzurufen: »He, hier gibt es kein Ausruhen!«, sie zurückzubringen damit sie weiter kämpfen, die Arbeit, der Hacken, der Weg, das Leben. Aber nicht über ein Leben werde ich erzählen. Aber sicherlich handelt es sich auch nicht um einen Tod. Viel mehr, ich werde gar nichts erzählen. Ich bin hier, um ein Bild zu zeichnen, einen Umriss, mehr oder weniger genau, mehr oder weniger scharf, von einem Stück eines riesigen Puzzles, schrecklich und wundbarbar zugleich. Und was ich euch erzählen werde, wird euch unglaublich vorkommen Vielleicht wird mein Bruder unter Protest (Protest seinerseits) Juan Villoro, dann aus meinen Worten einen dünnen Faden aus einem widersinnigen und komplizierten Strang heraushören, näher der Literatur als der Geschichte. Vielleicht hilft ihm das, dann dieses Buch zu beenden, von dem er noch nicht weiss, dass er es schreiben wird. Vielleicht wird Fernanda den Durchbruch eines Konzeptes vorausfühlen, welches abwesend erschien, das aber auf eine Öffnung hinweist, und die Verfolgung dieses Weges könnte einen theoretischen Umsturz eines gesamten Denkkonzepts auslösen. Vielleicht wird es ihr helfen, dass sie mit ihren Reflexionen beginnt, von denen sie jetzt noch nicht weiss, dass sie sie machen wird. Ich weiss es nicht. Vielleicht wird er, sie, jene, die nicht hier sind, das einfach ablegen. Im Ordner mit dem Buchstaben »H« wie »human«, wie »Hydra« oder »W« wie »Wunde«, oder »E«, wie »Ehrung« oder »Es war einmal…« Aus Sicherheitsgründen muss die Schilderung, was Geographie und Kalender betrifft, ungenau sein. Aber es war im Morgengrauen und der Ort war das Hauptquartier der EZLN. Vielleicht enttäuscht eine kurze Beschreibung der zapatistischen Generalkommandatur mehr als eine, einen, eineNe. Nein, es gibt keine riesige Landkarte, mit Lampen bestrahlt und mit farbigen Stecknadeln bespickt auf einer der Wände. Nein, es gibt keine modernen Radiokommunikationsgeräte, mit Stimmen in unzähligen Sprachen . Es gibt kein rotes Telefon. Es gibt keinen modernen Computer mit Mehrfachbildschirmen, die unaufhörlich damit beschäftigt sind, die schwindelerregende Statistik der Cyber-Matrix zu entziffern oder zu verschlüsseln. Was es gibt, sind einige Tische, zwei oder drei Sessel, einige Tassen mit kalten Kaffee-Resten, schlecht zerknüllte Papiere, volle Aschenbecher, Rauch, viel Rauch. Manchmal steht auch eine Schüssel mit ranzigem Popcorn herum, aber nur dann, wenn ein Tauschhandel mit einem befremdlichen Wesen erforderlich ist. Sie werden es nicht glauben, aber was anderswo ¨Kriegsgericht« genannt wird, heisst hier »Los und bleib stecken, dafür ist der Schlamm da«. Ich werde mich nicht weiter über diese eigentümliche Art der Lösung von rechtlichen Streitigkeiten zwischen Wesen, die mehr als Lichtjahre von der wirklichen oder fiktiven Rechtsprechungen entfernt sind, auslassen. Es reicht die Feststellung, dass die Schüssel mit ranzigem Popcorn einen Grund hat. Manchmal, nicht immer, das stimmt, kann es einen tragbaren Computer und einen Drucker geben. Ich werde weder Marken noch Modelle nennen, der Hinweis sollte genügen, dass der Computer durch Beschimpfungen und Drohungen funktioniert und der Drucker hat einen ganz persönlichen freien Willen, er weigert sich, Dinge zu drucken, welche es seiner Meinung nach wert sind, über den Bildschirm hinauszugehen. Richtig, auf diesem Bildschirm befindet sich normalerweise und unveränderlich ein Wordprocessor und ein Text, der niemals zu seinem Schlusspunkt kommt… Viren? Nur die, die durch das Pflanzengeflecht durchdringen, die dazu dienen, um sich zu einen der Netztunnels zu verbinden. Das heisst, Spinnen oder Vieher, die die Flucht ergreifen vor den Obgenannten, während ein Lichtlein aufgeregt blinkt. Aber lassen wir es darauf beruhen, damit die Vorstellungskraft eines jeden/einer jeden, das Mobiliar komplettieren kann. Ich könnte mich brüsten und sagen, dass ich an jenem Morgengrauen gerade eine Abhandlung der hellenischen Philosophie las oder die Fabeln des Hyginus, oder die Abhandlung Über die Götter des Apolodor aus Athen, oder Die zwölf Doze Arbeiten des Herkules, ja, ja, mit »z« geschrieben, von Enrique de Villena, dem Astrologen, aber nein. Ich könnte auch sagen und damit angeben, wie modern ich bin, dass ich im alternativen Netz war und gerade einen online-Kurs mit einem/ einer, einEr anonymen Hacker*in absolvierte. Der/die würde ich sofort berühmt, machen, aber wenn er/sie anonym ist, kann man ja nicht berühmt sein. Oder doch? Oder vielleicht ist es ein organisiertes Kollektiv: ¨du machts klick auf reload, du bist für die Taste control zuständig, nein, nein, drücke auf gar keinen Fall auf den Buchstaben »z«, denn dann entsteht der totale Saustall und du beginnst mit einem völlig unverständlichen Wesen aus dem Südosten Mexikos zu chatten«. Zusammenfassend, ein nickname und ein avatar, vergleichbar mit einem Kampfnamen und einer Gesichtsmaske, die geduldig erklären, was die Basis eines Kampfterrains ist. Wie bei jeder neuen Sprache, die man lernt, ist das erste was man lernen muss die Schimpfwörter. Und dann weiss man, dass »noob« dasselbe ist wie wenn man jemand zum Teufel schickt. Oder ich könnte erzählen, um beim Cliche zu verbleiben, dass ich gerade im Schach in einem interozeanischen Mehrparteienspiel steckte, mit einem Kollektiv namens »die Nicht-Registrierten der Baker Street« aus dem blonden Albión. Aber nein. Womit ich tatsächlich beschäftigt war, war der Versuch, einen Schluss für einen Text zu finden, der bereits seit mehr als 20 Jahren überfällig ist aber… Da erschien im Türrahmen der Posten, der Wächter, der Wachposten, der Bewacher oder wie ihr ihn nennen wollt: - »Sup, da ist jemand, der möchte mit dir sprechen« -, sagte er lakonisch, nach dem militärischen Gruss. – Wer?– fragte ich mehr aus Gewohntheit denn ich nahm an, dass es die insurgenta Erika war, mit einer ihrer schwierig zu lösenden Rätsel in Sachen Liebe und was da dazu gehört. - »Ein Don Luis, so sagt er. Schon ein älterer Herr, einer mit Erfahrung-, antwortete der Insurgente. – Don Luis? ich kenne keinen Don Luis-, sagte ich verärgert. – Subcomandante – hörte ich ihn sagen und sein Schatten tauchte aus der Dunkelheit hervor. Der Wächter stammelte: »er kam ohne zu fragen, ich sagte, dass er warten solle, er gehorchte nicht«. »Aha,er gehorchte nicht, so was. Lass ihn halt«, sagte ich zum Wächter und wir umarmten uns, Don Luis Villoro Toranzo, geboren in Barcelona, Cataluña, Spanien, am 3. November 1922. Ich bot ihm einen Stuhl an. Don Luis setzte sich, er nahm die Baskenmütze ab und rieb sich lächelnd die Hände. Wohl wegen der Kälte glaube ich. Habe ich schon gesagt, dass es an jenem Morgengrauen kalt war? So war es, so ist es, wenn kein Licht den Schatten wärmt, so wie heute. Noch mehr, die Kälte biss die Wangen, wie ein besessener Liebhaber. Es schien, als würde Don Luis das gar nicht merken. Ist es kalt in Barcelona?, fragte ich, ein wenig um ihn damit willkommen zu heissen, ein wenig, um ihn damit abzulenken, während ich diskret den Computer abschaltete. Dann verstaute ich den Laptop, bestellte Kaffee für 3 und zündete wieder die Pfeife an, mit dem verbrauchten und feuchten Tabak im Pfeifenkopf. Ich erinnere mich jetzt nicht mehr, ob Don Luis die Frage nach dem Wetter in Barcelona beantwortete. Dagegen wartete er geduldig, dass ich mich geschlagen gebe und dass ich aufhören würde, durch Blasen die Pfeife wieder zum brennen zu bringen. »Sie haben nicht zufällig Tabak dabei?« fragte ich, wobei mir schon im Vorhinein die enttäuschende negative Antwort vorschwebte. »Ich erinnere mich nicht«, sagte er und lächelte weiterhin. Meinen Sie dasWetter in Barcelona oder den Tabak? Aber das waren nicht die wichtigsten Fragen, die sich in meinem abgeloschenen Pfeifenkopf anhäuften. Bevor ich den Doktor der Philosophie Luis Villoro Toranzo fragen konnte, was zum Teufel er denn hier wolle, erlauben Sie mir bitte, dass ich Ihnen ein Detail erkläre… Zu jener Zeit befand sich das Hauptquartier der EZLN im »Nebelbett«. Der Name kommt daher, weil es sich auf der Schneide einer Bergkette befindet, die abgesehen von den wenigen trockenen Tagen, ständig mit Wolken bedeckt ist. Obwohl die Generalkommandatur an sich eine wandernde ist, macht sie sich hin und wieder dort sesshaft, aber weniger lang als die Wolken. »Das Wolkenbett«. Das Hinkommen ist nicht einfach. Zuerst müssen Kuh- und Pferdeweiden und Abgründe überquert werden. Schlecht wenn es regnet, schlecht wenn die Sonne brennt. Nach zwei Stunden auf einem dornigen Weg kommt man am Fuss des Berges an. Da beginnt ein steiler Fussweg, der sich am Rand des Berges dahinschlängelt, das heisst, immer hat man den Abgrund auf der rechten Seite. Nein, es waren keine politischen Überlegungen, die diesen spiralförmigen Aufstieg anlegten, sondern der launenhafte Schnitt dieses Berggipfels inmitten der Kette. Obwohl die Steigung bis unmittelbar vor der Hütte der Generalkommandatur der ezetelene anhält, wurden Arbeiten von den Militäringenieuren vorgenommen, die ermöglichen, dass der Wachposten Zeit und Distanz für eine entsprechende Sichtung hat. Daher, die Gehung des Zuganges zum Hauptquartier war gewollt schwierig. Den Schroffheiten des Berges haben wir spitze Stecken, Gräben und Stachel hinzugefügt, so dass der Steig immer nur für einen Menschen Platz liess. Als ich jung und schön war, mit einer durchschnittlichen Last von 15-20 Kilogramm, brauchte ich ungefähr 6 Stunden von der Basis bis hinauf. Jetzt, wo ich nur mehr schön bin und keine Last mehr trage, brauche ich zwischen 8 und 9 Stunden. Unsere hartnäckige Prä-Modernität und unsere Abneigung gegenüber die Wahlkampagnen verhindern, dass wir auf unseren Positionen Hubschrauberlandeplätze haben. Daher kann man nur zu Fuss herkommen. Unter diesen Voraussetzungen war es logisch, dass die erste Frage folgendermassen lautete: »Wie sind Sie denn bis hierher gekommen Don Luis?« Er antwortete: »Zu Fuss« und sagte das mit der gleichen Ruhe als ob er gesagt hätte »mit dem Taxi«. Don Luis sah gut aus, ohne sichtbare Erschöpfung, seine Baskenmütze war intakt, auf seinem dunklen Sakko nur einige wenige Fasern von Lianen und Zweigen, seine Kordhose zeigte nur wenige Flecken, und nur am Saum, seine Mokassins ganz, ohne Löcher. Alles komplett. Wenn es etwas Bemerkenswertes gab, dann vielleicht sein Dreitage-Bart und die offenkundige Absurdität seines hellen Hemdes, mit dem gestärkten Kragen, offen. Mich kostet dieser Aufstieg mindestens 3 Flicken auf dem Hemd, 4 auf der Hose, einen Doppler auf jeden Stiefel und einige Stunden, um den Atem zuückzugewinnen. Aber Don Luis war da, er sass mir gegenüber. Lächelnd.Abgesehen von einer leichten Morgenröte auf seinen Wangen könnte man annehmen, dass er tatsächlich gerade aus dem Taxi ausgestiegen war. Aber nein. Don Luis hatte geantwortet »zu Fuss«, das heisst da war nichts von wegen Taxi. Ich wollte gerade mit einer langen Rügen-Litanei über Gesundheit, die Kalender, die zu Beschwerden werden, die Unmöglichkeit, dass er in seinem fortgeschrittenen Alter noch versucht, absurde Dinge zu machen, wie einen Berg hochzuklettern und persönlich, im Morgengrauen, in der Generalkommandatur der ezetaelene vorstellig zu werden, aber etwas hielt mich davon ab. Nein, es war nicht die unleugbare Tatsache, dass er sich hier vorfand. Es war das Lächlen von Don Luis, das nervös geworden war, unruhig, so wie das ist, wenn man nicht Angst hat zu fragen, sondern davor, eine Antwort zu bekommen. Da stellte ich dann die Frage, die dieses Morgengrauen prägte: »Und was ist es, das Sie wünschen Don Luis?« »Ich möchte als Zapatist eintreten« antwortete er. In seiner Stimme war nicht die kleinste Spur von Spott, Ironie oder Sarkasmus. Zweifel, Angst und Unsicherheit auch nicht. Ich war auch schon vorher in der Situaton, dass ein Bürger oder eine Bürgerin seine/ihre Absicht so erklärte (obwohl nicht mit diesen Worten, meistens machen sie es mit feurigen Parolen und schallenden Phrasen, wo viele Tode vorkommen und wenig oder gar kein Leben), obwohl sie, das ist klar, nicht über die Rinderweide hinaus kommen. Ich verschluckte mich, und die Pfeife brannte nicht, um so zu tun, als ob es wegen des Rauches wäre. Resigniert wegen des fehlenden trockenen Tabaks beschränkte ich mich darauf, an der Pfeife zu kauen. »Ich möchte als Zapatist eintreten« sagte er. Don Luis hatte eine Ausdrucksweise gewählt, die viel mehr zum Alltagsleben einer zapatistischen Comunidad passte als in die mexikanische Akademie der Sprache. Ich befolgte daher das für diese Fälle vorgesehene Protokoll: Ich erklärte ihm die geographischen Schwierigkeiten, jene der Physik, der Ideologie, der Politik, der Ökonomie, die sozialen, historischen, klimatischen, mathematischen, barometrischen, biologischen, geometrischen und interestellaren. Mit jeder Schwierigkeit verlor das Lächeln von Don Luis etwas seiner Nervosität und gewann an Sicherheit und Gelassenheit. Am Ende der langen Liste der Unannehmlichkeiten sah das Gesicht von Don Luis so aus, als ob er ins Colegio Nacional gewählt worden wäre und nicht ein diplomatisches »NEIN« von mir aufgebrummt bekommen hätte. »Ich bin bereit« sagte er, nachdem das letzte heile Stück meiner Pfeife zerkrachte. Ich versuchte ihn abzureden, indem ich die Nachteile des Untergrundes, des Sich Versteckens, der Anonymität aufzählte. »Ausserdem« fügte ich voller Unmut hinzu, »gibt es keine Gesichtsmasken mehr«. Es war klar sichtbar, dass meine Rolle nicht die vorteilhafteste war. So sehr ich auf meinem Stuhl herumrutschte und nervös die Dinge auf dem Schreibtisch herumschob, fand ich keine logische Erklärung für diese absurde Situation. Don Luis setzte die Baskenmütze auf das Silber seiner dünnen Haarpracht. Ich dachte, dass er sich verabschieden würde aber als ich aufstand um den Wächter zu rufen, damit er ihn hinausbegleite sagte er: »Das ist meine Gesichtsmaske« sagte er und zeigte auf die Baskenmütze. Als ich argumentierte, dass die Gesichtsmaske das Gesicht so verbergen müsse, dass nur die Augen sichtbar bleiben, erwiederte er: »Kann man denn das Gesicht nicht verbergen ohne es zu verstecken?« In diesem Moment war ich für zwei Dinge dankbar: Die eine, dass ich durch das ständige Herumschieben der Dinge auf dem Tische ein Säckchen mit trockenem Tabak gefunden hatte. Die andere, dass die Frage des Doktor der Philosophie Luis Villoro Toranzo, mir Zeit gab um zu versuchen, die Stücke zu ordnen und zu verstehen, worum es sich hier handelte. Daher verborg ich mich hinter den Worten, um besser denken zu können: »Das geht Don Luis. Aber um das zu erreichen, muss man – wie man so sagt – das Umfeld verwandeln. Unsichtbar werden heisst daher, nicht auffallen, einer mehr unter vielen zu sein. Zum Beispiel ist es möglich, jemand, der das rechte Auge verloren hat und eine Augenbinde verwendet zu verstecken, indem man viele dazu bringt, dass sie eine Augenbinde am rechten Auge aufsetzen, oder dass jemand, der die Aufmerksamkeit erregt, sich auf das rechte Auge eine Augenbinde setzt. Alle Augen werden sich auf den richten, der die Aufmerksamkeit erregt, alle anderen Augenbinden sind dann nicht mehr wichtig. So wird der wirklich Einäugige unsichtbar und er kann sich frei bewegen«. »Ich zweifle sehr daran, dass Sie erreichen würden, dass in den akademischen oder universitären Kreisen alle eine schwarze Baskenmütze verwenden oder dass jemand, der viel Aufmerksamkeit erregt, diese aufsetzt. Wenn Sie zum Beispiel erreichen, dass Angelina Jolie und Brad Pitt eine schwarze Baskenmütze verwenden, gut, dann ja Don Luis, seien Sie mir nicht böse, aber dann gibt es wirklich niemand, der auf Sie schaut«. »Ausserdem, die Baskenmütze erinnert mehr an den Ché Guevara als an die idealistische Wissenschafts-Philosophie. Sie wissen ja selbst, auch wenn es ein Urwald ist, das Institut der philosophischen Forschungen ist nicht unbedingt ein Zentrum der Subversion, um es gelinde auszdrücken«. »Aber«, unterbrach er mich und fing ohne Mühe den Schlag ab »eine andere Form nicht aufzufallen ist es, seinen Tagesablauf nicht zu verändern, sich anzuziehen wie immer. Wenn sie mich mit der schwarzen Schirmmütze sehen, wird ihnen nichts auffallen. Wenn ich dagegen eine Gesitzmaske aufsetzen würde, wäre das eine auffallende Verwandlung. Sie würden mich sehen. Ich würde Aufmerksamkeit erregen. Sie würden sagen: »das ist der Herr Professorsor Luis Villoro mit Gesichtsmaske, er ist übergeschnappt, der Arme, vielleicht hatte er kürzlich eine Krankheit und sein Gesicht ist entstellt, oder die Spuren des Alters, oder ein geheimes Verbrechen«. Und, mutatis mutando, wenn man die tägliche Routine nicht mehr einhält, dann erregt das die Aufmerksamkeit. Zum Beispiel Subcomandante, wenn Sie nicht mehr Pfeife rauchen, würde das die Aufmerksamkeit vieler erregen. Wenn Sie sich eine Augenbinde anlegen würden, das ist ein anderes Beispiel, würde man Ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken und zu rätseln beginnen, ob Sie es verloren haben oder ob es blau ist, weil man Sie geschlagen hat«. »Guter Punkt«, sagte ich und notierte es insgeheim. Don Luis setzte fort »Wenn ich mir die Schirmmüetze aufsetze, wird niemand der mich sieht was sagen und denken, dass ich der Gleiche bin«. Dann fügte er dem wie den logischen Schluss bei: »Und mein Kampfname wird Luis Villoro Toranzo sein«. »Aber Don Luis«, wies ich ihn zurecht, »dass ist ja sowieso Ihr Name«. »Richtig«, sagte er und erhob den rechten Zeigefinger. »Wenn ich diesen Kampfnamen verwende, wird niemand wissen, dass ich Zapatist bin. Alle werden glauben, dass ich der Philosoph Luis Villoro Toranzo bin«. »Sagten Sie nicht, dass die Zapatisten durch das Verdecken des Gesichtes sich zeigten?« Ich nickte und wusste, was jetzt kommen würde. »Na sehen Sie, mit der Schirmmüetze und mit dem Namen zeige ich mich, das heisst, verberge ich mich«. »War das nicht das Paradoxon?« Ich wollte sagen »Touché«, aber ich war dermassen aus der Fassung, das mein Französisch im Koffer des Vergessenen versunken blieb. Den Reste der Nacht-des Morgengrauens verbrachte ich mit Gegenargumenten und er gegenargumentierte dafür. Erlauben Sie mir dass ich Ihnen sage, man muss es anerkennen, dass seine logische Argumentation tadellos war und mit Geist und humorvoll bezwang er ein ums andere Mal die trügerischen Fallen, mit denen ich normalerweise selbst die berühmtesten Intellektuellen zum Stolpern bringe. Ja, das ist sarkastisch gemeint, daher braucht niemand beleidigt zu sein. Der Fall oder die Sache war die, dass Don Luis Villoro Toranzo - Zapatisten-Anwärter, dessen Kampfname »Luis Villoro Toranzo« sein würde und der, um sich besser verstecken zu können, sich besser mit seiner schwarzen Schirmmütze als Gesichtsmaske zeigen würde – ein ums andere Hindernis und alle Einwände, die ich ihm mit einer gewissen Sturheit in den Weg legte, zerstörte. »Das Alter«, sagte ich hernach und war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen. Er vollendete: »So ich mich richtig erinnere, haben Sie, Subcomandante, einmal darauf hingewiesen, dass das Limit eine Sekunde vor dem letzten Seufzer gekommen wäre«. Das Licht des Tagesanbruches zeichnete bereits die Linien am Horizont ab, als ich beschloss, die beste Position in so einem Fall einzunehmen: ich schützte Geiseskrankheit vor. »Sehen Sie Don Luis, wenn ich entscheiden könnte, klar, es wäre eine grosse Ehre, klar, aber das steht mir nicht zu, klar,einen Antrag auf Aufnahme in die EZLN anzunehmen oder abzulehnen, klar. Ich bin, klar, sagen wir es so der Synode, klar, aber wer das entscheidet ist jemand anderer, klar. Ausserdem, dann kommt der Lokalverantwortliche, klar, der Regionalverantwortliche, klar, das Kommitee, klar, die Generalkommandatur der zapatistischen nationalen Befreiungsarmee, klar. Warum fahren Sie nicht nach Hause und ich setze mich mit Ihnen in Verbindung, wenn ich etwas weiss?« Aber… als ich das sagte, kam der andere Indigene, der Moy und mich vervollständigt bei der Tür der Generalkommandatur herein »Ach«, sagte er, »ich sehe, dass Du schon mit ihm gesprochen hast« »Ja«, sagte ich, »aber er ist stur und möchte Zapatist sein«. »Gut«, sagte der Andere, »eigentlich habe ich mit dem Compa Luis Villoro Toranzo gesprochen und nicht mit dir«. »Er hat schon mit mir gesprochen, ich sagte ihm er solle auf jeden Fall bei Dir vosprechen um seine Argumente durchzusehen«. »Aber es ist schon alles o.k: ich habe ihn bereits in der Spezialeinheit aufgenommen. Jetzt ist er für uns der Colego Luis Villoro Toranzo«. »Ich habe ihm bereits erklärt, dass wir ihn, so wie das unsere Art ist, nur als »Don Luis« bezeichnen werden, das heisst, ich glaube jetzt fehlt nichts mehr, als ihn herzlich willkommen zu heissen und ihm seine Aufgabe zuzuteilen«. Der bereits zapatistische Compañero Luis Villoro Toranzo richtete sich auf und mit bewundernswerter Beweglichkeit grüsste er den Offizier. »Und welche Aufgabe wird ihm zugeteilt werden?« ich schaffte es gerade, diese Frage im Nebel meiner Verwirrung zu stammeln. »Nun die ihm ja sowieso zukommt: den Wachposten«, sagte der andere und entfernte sich. Ich wage fast anzunehmen, dass Juan, Fernanda und alle jene, die mich jetzt hören und die das später lesen, diese Worte wie eine weitere der phantastischen Geschichten, die die Berges des Südostens von Mexiko bevölkern und ein ums andere Mal von Käfern, respektlosen Kindern, Geistern, Katze-Hunden, funkelnden Lichterlein und anderen Absurditäten erzählt werden, hinnehmen. Aber nein. Es ist an der Zeit, dass Sie wissen, dass Don Luis Villoro Toranzo sich in die EZLN einschrieb, es war im Morgengrauen im Mai, bereits vor vielen Monden. Sein Kampfname war »Luis Villoro Toranzo« und in der Generalkommandatur der EZLN nannten wir ihn »Don Luis« aus Gründen der Kürze und der Effizienz. Der Ort war das Generalhauptquartier »Nebelbett«, wo er seine braune Jacke hinterlegte, für seine Rückkehr, was er einige Male machte, bevor er verstarb. Was kann ich Ihnen noch sagen? Er hat seine Mission gänzlich erfüllt. Als Wächter in einer Wachstationen der zapatistischen Peripherie beobachtete er aufmerksam das Geschehen, aus den Augenwinkeln des kritischen Denkens bemerkte er Veränderungen und Bewegungen, welche für die grosse Mehrheit der sich selbst als progressiv ernannten Intellektuellen unbemerkt vorbei gingen. Als Ergebnis der Wachsamkeit des Caracols, für das er verantwortlich war, werden Sie die Reflexionen, welche wir über diese Änderungen und Bewegungen gemacht haben in den folgenden Tagen hören bzw. einige andere werden das dann lesen. Ein Geschenk nach Zapatistischer Manier Es war ein anderes Morgengrauen. Don Luis, der seinerzeitige Oberstleutnant und heutige Subcomandante Insurgente Moisés und ich, wir haben das Gespräch so um 17.00 Uhr an der südöstlichen Kampffront begonnen. So um 21.00 Uhr entschuldigte sich der jetzige SupMoy, denn er musste die umliegenden Positionen überprüfen. Don Luis hatte eine spezielle Art zu debattieren: wo andere mit den Händen fuchteln und die Stimme erheben, erscheint auf seinem Gesicht ein abwesendes Lächeln. Wo andere mit Parolen argumentieren, kommt er mit einem Blödsinn -»Nur um Zeit zu gewinnen«, sagte ich zu mir selber. Normalerweise ähnelten diese Gespräche einem Duell. Obwohl es nicht nötig wäre zu erwähnen: meistens wurde ich geschlagen. So wie jenes Mal. Don Luis lachte und prustete heraus: »Geschlagen aber nicht zerstört!« Ich richtete mich mit Worten auf, indem ich sagte, dass es gar nicht gut aussehen würde, wenn ein Philosoph der Richtung des logischen Positivismus den zweiten Brief des Apostel Paulus an die Korinther, gewollt oder ungewollt, zitieren würde. Er lächelte verschmitzt und antwortete: »und es sähe noch schlimmer aus, wenn ein zapatistischer Chef das Zitat erkennen würde«. Dann stand er auf und rezitierte voller Dramatik: »Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht;uns ist bange, aber wir verzagen nicht;wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen; wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um¨ und dann, indem er sich an mich wandte sagte er: »und mich wundert, dass Sie nicht darauf hingewiesen haben, dass es sich um das IV. Kapitel, Vers 8 und 9 handelt«. Ich wand mich noch unter den Schmerzen dieser argumentativen Tracht Prügel und erwiderte: »ich habe immer gedacht, dass dieser Text eher einem zapatistischen Kommuniqué gleicht, welches den Widerstand beschreibt als dass es Teil des Neuen Testaments wäre«. »Oh! Zapatistischer Widerstand!«, rief er voller Enthusiasmus. Und dann: »Wissen Sie etwas Subcomandante? Sie sollten eine Schule eröffnen«. »Nicht nur eine, viele«, sagte ich. Das war wohl 2005-2006, Jahre vorher hat sich Don Luis in unsere Reihen eingeschrieben und die Juntas de Buen Gobierno konzentrierten sich auf die Notwendigkeit im Gesundheitsbereich und der Erziehung in den Zonen, Regionen und Comunidades. Don Luis erklärte dann: »Nein, ich spreche nicht von diesen Schulen. Klar, viele von denen müssen wir errichten, da gibt es gar keinen Zweifel. Ich spreche von einer zapatistischen Schule. Nicht einer, wo der Zapatismus unterrichtet wird sondern wo der Zapatismus gezeigt wird. Eine, wo keine Dogmen aufgezwungen werden, sondern dass hinterfragt wird, dass gefragt wird, wo man zum Denken gezwungen wird. Eine, deren Leitspruch lautet:Und du, was ist mit dir?«. Die Idee von Don Luis war eigentlich nicht neu. Vor ihm haben schon Pablo González Casanova und Adolfo Gilly solche Skizzen mit anderen Texten entworfen. Aber unsere Idee war weder das Lehren, noch das »Zeigen«. Sondern provozieren. Das »und du, was ist mit dir?« erwartete keine Antwort sondern war eine Aufforderung zum Nachdenken. Nun denn, ich setze fort: Aus der Diskussion wurde ein Gespräch, so wie wenn ein wilder Strom auf seinem Serpentinenweg in eine Ebene kommt und sich in ein ruhiges Fliessen verwandelt. Es war bereits Morgengrauen. Die Nachtwache teilte uns mit, dass Moy weiterhin beschäftigt sei und er bot uns Kaffee an. Auf meinen fragenden Blick antwortete Don Luis mit einem zustimmenden Nicken. Ich weiss gar nicht, ob Don Luis üeberhaupt Kaffee trank, er liess seine Tasse immer unberührt stehen. So erwischte ich ihn in der Hitze des Gespräches. Jetzt fällt mir ein, dass ich ihn nicht einmal fragte, ob er normalerweise Kaffee trinkt. Man könnte ja annehmen, klar, Philosoph, klar, »¨Kaffee« ist für einen Philosophen so etwas wie ein unerwünschter Familienname. Oder vielleicht trank er ihn doch. Wir sind nun mal in Chiapas. Nach Chiapas kommen und keinen Kaffee trinken ist wie….wie wenn jemand nach Sinaloa fahren würde und keinen Chilorio ausprobierte, oder nach Hamburg fahre und kein Hamburger verschlinge, oder nach La Realidad zu fahren und dieselbe nicht anzutreffen. Es war jedenfalls so, dass wir, ohne es zu merken, über Geschenke zu sprechen begannen. »Was wäre Ihrer Ansicht nach das ideale Geschenk«, fragte er. »Jenes, das die grösste Üeberraschung bereitet«, sagte ich ohne lange nachzudenken. »Nein, das, für das man keinen Dank bekommen könnte«, antwortete er. »Oder das, das kein Geschenk wäre«, lautete mein Gegenangriff. »Wie bitte?«, fragte er intrigiert. »Wie zum Beispiel ein Rätsel, oder ein Stück eines Puzzle. Das heisst, ein Geschenk ohne Grund. Wenn es keinen Grund gibt, wächst die Überraschung«, sagte ich. »Richtig, aber für den, der er gibt, könnte es ein Geschenk sein, keinen Dank für das Geschenk zu erhalten«, sagte er wie zu sich selbst. Mit steigernder Verdrehung der logischen Argumentation stieg mein Verdacht, dass Don Luis müde sei. Aber nein, er war angeregt und hatte ein Leuchten in den Augen, so als ob… Ich stand auf und fühlte seine Stirn. Ich sagte nichts, ich ging nur an die Tür und sagte zum Wachposten: »Holt die Compa vom Gesundheitsdienst«. Don Luis hatte Fieber.Die Gesundheitsbeauftragte Insurgenta empfahl ein fiebersenkendes Mittel, ein Bad mit kaltem Wasser und viel Flüssigkeit. Don Luis wandte nichts dagegen ein. Aber als die Compañera, weg war sagte er »ein wenig ausschlafen reicht« und er schlief ein. 2 Tage verbrachte er so, nur zum Essen und um aufs WC zu gehen stand er auf. Als er wieder ganz gesund war, sagte er, dass er gehen müsse, er empfahl mir, dass ich seine Wachtposten-Berichte nochmals durchlesen solle und dann verabschiedete er sich. Bereits in der Türöffnung murmelte er wie zu sich selbst und ohne sich nach mir umzudrehen: »Genau, ein Geschenk, für das man sich nicht bedanken kann. Das wäre echt zapatistisch«. Dann setzte er sich die Schirmmütze auf, sagte noch etwas und ging. Jetzt, mehr als 12 Monde nachdem er uns verlassen hat, kann ich erzählen, was er an jenem Morgen, beleuchtet von einer Sonne, die Licher und Schatten aufwirbelte zu mir sagte. »Compañero subcomandante Insurgente Marcos«, sagte er und saludierte mit auffälliger Vitalität. »Compañero Luis Villoro Toranzo«, sagte ich, und folgte damit einer alten Gewohnheit meinerseits um zu zeigen, dass ich bereit war zum zuhören. »Ich möchte Sie um etwas bitten«. Mir entging nicht das Verlassen des informellen Tonfalles aber ich schrieb das seinem neuen Beruf zu. »Bitte sagen Sie in diesem Moment nichts von alle dem weiter, was wirbesprechen«, verlangte er. »Klar«, sagte ich, »verstehe. Das Geheimnis, der Untergrund, all das, die Familie darf nichts erfahren« »Nein, das ist es nicht«, sagte er zu mir. »Ich möchte, dass Sie es später sagen«. »Wann?«, fragte ich ihn. »Sie werden es wissen, wann der beste Moment dafür ist. Um unsere Art anzuwenden: die Kalender und die Geographien werden zu ihrer Zeit kommen«. »Und warum?«, fragte ich ihn neugierig. »Es handelt sich um ein Geschenk, welches ich meinen Kindern und meiner Compañera geben möchte«. »Mensch, Don Luis, tun Sie nicht so dumm, schenken Sie doch dem Juan eine grüne Kravatte mit roten Sprenkeln, dem Miguel eine rote mit grünem Sprenkeln oder umgekehrt, Ihrer Tochter Renata eine Blumenvase und Carmen einen Aschenbecher, oder umgekehrt. Wie es sich in einer guten Familie gehört, werden sie dann streiten. Fernanda ein Notizheft, so eines mit Linien. Alle diese Geschenke sind unnütz und grässlich, aber es geht ja um den guten Willen«. Don Luis lachte fröhlich. Dann setzte er etwas ernster fort: »Erzählen Sie Ihnen meine Geschichte. Oder besser gesagt, diesen Teil meiner Geschichte. Dann werden sie verstehen, dass ich mich nicht vor ihnen versteckte. Dass ich das nur wie ein Geschenk versteckte. Denn das Schöne an den Geschenken ist die Überraschung. Glauben Sie nicht?« »Sagen Sie ihnen, dass ich ihnen dieses Stück meines Lebens schenke. Sagen Sie ihnen, dass ich es vor ihnen versteckte, nicht wie man ein Verbrechen versteckt, sondern wie man ein Geschenk verbirgt«. »Schauen Sie Sup, sie werden viel über mich und mein Leben erzählen, Gutes und Schlechtes. Aber dieser Teil wird, so glaube ich, alles durcheinander bringen, aber nicht voller Schmerz und Leid, sondern mit dieser fröhlichen Unbekümmertheit dieses frischen Windes, den wir so nötig brauchen, wenn der Schmerz des Verlustes und die Grautöne der Ernsthaftigkeit, der Förmlichkeit und die Ernennungen sich in Stein und Grabinschrift verwandeln.« »Ist in Ordnung, Don Luis«, sagte ich, »aber bitte verwerfen Sie die Idee der Krawatteen, Blumenvase, Aschenbecher und Notizheft nicht«. Lächelnd verliess er uns. Daher, Juan, Fernanda, Familienangehörige von Don Luis Villoro Toranzo, jahrelang habe ich dieses Stück des riesigen Puzzle, welches das Leben von Don Luis war, wie ein Geheimnis gewahrt. Nicht bei diesem Mal, sondern später, als Wut und Schmerz aus dem geschundenen Körper des Compa Maestro Zapatista Galeano hervorbrachen, verstand ich, warum ich dieses Stück seines Lebens zurückhalten musste. Es war nicht so, dass er das versteckte, weil er sich schämte, noch weil er fürchtete, dass man ihm vor dem Feind mit tausend Köpfen verraten würde, oder weil er so ihren Versuch, ihn von dieser Idee abzubringen, vermeiden könne. Es war deshalb, weil er ihnen dieses Geschenk machen wollte. Ein Stück das provoziert, das Mut macht, das anfeuert, genau so wie seine Gedanken in uns einen frischen Wind anfachten. Ein weiteres Stück im Leben von Don Luis. Das Stück, welches Luis Villoro Toranzo, der Zapatist der EZLN heisst. Er verschwieg und verfiel in die Erfüllung seiner Aufgabe, er hatte den Posten eines Wächters inne, in dieser absurden, schrecklichen, wunderbaren Welt, die wir unbedingt errichten wollen . Ich weiss sehr wohl, dass er viele Bücher und ein brillantes intellektuelles Leben hinter sich lässt. Aber auch diese Worte hat er hinterlassen, damit ich sie euch heute erzähle: »Denn es gibt Geheimnisse, derer man sich nicht schämen muss sondern auf die man stolz sein kann. Denn es gibt Geheimnisse, die sind ein Geschenk und nicht eine Beleidigung«. Jetzt und nur jetzt, wenn ich euch diese Blätter übergebe, könnt ihr lesen, wie der Titel dieses Textes lautet, in dem das Stück des Puzzle mit meinen ungelenken Worten eingepackt ist, es heisst: »Luis Villoro Toranzo, der Zapatist«. Vale. Salud und wir alle, Männer und Frauen geben euch die Umarmung weiter, die der Zapatist Don Luis bei uns hier aufbewahrt hatte. Aus den Bergen des Südostens von Mexiko und jetzt unter der Erde. Subcomandante Insurgente Marcos. Mexiko, 2. Mai 2014. Veröffentlicht am 2. Mai 2015. Quelle: http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2015/05/02/luis-el-zapatista/

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